Vierstimmig:
Und/Oder
Ausstellung vom 31. Oktober - 05. Dezember 2021
Vierstimmig: Und/Oder

Vier junge Künstler bestreiten in diesem Jahr in der Reihe "vierstimmig" die Herbstausstellung in der Lände. Der Ausstellungstitel "und/oder" beschreibt eine logische Verknüpfung, einen Mikro-Algorithmus. Er fasst damit einerseits einen künstlerischen Arbeitsprozess zusammen, denn den ausgestellten Arbeiten liegt jeweils eine strenge innere Logik zugrunde. Anderseits arbeiten die Künstler aber auch ganz praktisch mit digitalen Algorithmen, die dann in Bewegungen, Bilder oder Sprache umgesetzt werden, oder sogar virtuelle Räume erzeugen. Ihre Arbeiten wirken oft futuristisch und sind damit dringlich aktuell.

Wie verbindet sich eine Idee, ein logisches Konstrukt, eine virtuelle Realität mit der realen Welt? Wenn Sie Ihr Smartphone betrachten, können Sie eine Form sehen, möglicherweise Funktionen erkennen und damit eine riesige Vielfalt von Wirkungen erzielen. Das Smartphone ersetzt die Taschenlampe, das Telefon, den Taschenrechner, die Kamera und für manche Menschen darüber hinaus die gesamte soziale Umwelt. Hinter all diesen Mechanismen stecken Programme, Ideen, logische Verknüpfungen, sie werden gesteuert - oder steuern sie uns?

Mit solchen Überlegungen gehen Christian Doeller, Thimo Franke, Clemens Schöll und Paul Schwaderer an ihre Arbeiten heran. Sie beschäftigen sich nicht nur mit der bunten und bewegten Oberfläche der realen virtuellen Welt, sondern versetzen sich hinein in die Tiefe der Wirkmechanismen und machen diese in ihren Werken in vielfältiger Weise sichtbar und begreifbar.

Dass eine solche Ausstellung nicht nur in Seoul, Berlin, Düsseldorf oder Leipzig möglich ist, macht die Verbindung der Lände zu den Absolventen der Akademien möglich. Was treibt diese jungen Künstler um? Woher nehmen Sie ihre Widerstände und ihre Inspiration und mit welchen Mitteln arbeiten sie sich daran ab? In gewisser Weise ist es natürlich ein Wagnis, solche Arbeiten weit entfernt von den kulturellen Zentren zu zeigen. Hier, wo üblicherweise - durchaus spannende - Malerei, Grafik und klassische Bildhauerei in ihrer tradierten Weise zu Hause ist, wird nun die Szene von Bildschirmen, VR-Installationen und automatisch gesteuerten Objekten bestimmt. Wie reagieren die Besucherinnen und Besucher? Verstört diese Präsentation, regt sie zum Nach- und Weiterdenken an? Die Lände ist sich des Risikos bewusst, der digitalen (R)evolution eine Plattform zu bieten. Andererseits ist die Lände in Kressbronn seit Jahren dem Neuen und Ungewohnten auf der Spur und will ihrem Publikum zeigen, was in der Welt der Gegenwartskunst passiert, und wie junge Künstler mit gegenwärtigen und zukünftigen Umwelten interagieren.

Mit den vier Künstlern Christian Doeller, Thimo Franke, Clemens Schöll und Paul Schwaderer sind vier Positionen besetzt, die sich wegen ihrer Beschäftigung mit solchen Prozessen inhaltlich gut zusammenfügen, sich aber auch deutlich unterscheiden. Auch das spiegelt sich im Titel "und/oder" wieder.

So beschäftigt sich Christian Doeller in seinem Werk unter anderem mit Problematiken der Überlagerung von analogen und digitalen Realitäten. In seiner Arbeit "Replay" untersucht er Methoden der 3D-Modellierung auf Unschärfen und Fehler, die sich in einem rückgekoppelten Prozess vervielfältigen und verstärken. Dazu schleust er eine geometrische Grundform durch einen Kreislauf aus einem 3D-Drucker und einem 3D-Scanner. Durch wiederholte Reproduktion entwickelt das vermeintlich exakte Duplikat ein eigenes Dasein zwischen digitaler und physischer Existenz. Ebenso Unvorhersehbares erzeugt Doeller in seiner Arbeit "Ontology Generator", indem er mit einem Zufallsalgorithmus und einer Laufschrift philosophisch anmutende Sätze zum "Wesen des Seins" formuliert.

Bei Thimo Franke finden wir Arbeiten, deren Formen aus der Suche nach Gemeinsamkeit zwischen natürlicher und technischer Form hervorgehen. Die in strengem Schwarz-weiß gehaltenen Objekte scheinen trotz ihrer technischen Anmutung ein Eigenleben zu haben, welches von unserer Gegenwart weit entfernt zu sein scheint: Relikte einer Vergangenheit, die noch vor uns liegt. Immer wieder lotet Thimo Franke mit seinen Werken die Grenze zwischen Natur und künstlich geschaffenem Environment aus.

Hinein in den virtuellen Raum nimmt uns Clemens Schöll, der im Medienkunstkollektiv "THIS IS FAKE" mitwirkt. Seine Arbeiten mit VR-Brillen greifen das breite Spektrum der "virtuellen Realität" auf. Einerseits verspricht die Technologie unsere Wahrnehmung zu erweitern und zu verändern: Im Neon- Rampenlicht sehen wir unser vorgebliches Selbst mittels 3D-Scan- und VR- Technologie von außen. Andererseits zeigen seine fast ironischen, analogen VR- Brillen uns alltägliche Anblicke - Architektur und Geldscheine - und befragen den virtuellen und realen Anteil dieser (Re)Konstruktionen. Dabei werden wir nach unserer Zufriedenheit - der customer satisfaction - befragt: mit der Qualität der Medien, der Ausstellung, und unserem Leben befragt. Absolut hervorragend, oder nur extrem gut?

Paul Schwaderer liebt das Spiel mit den anscheinend banalen Dingen. Eine virtuelle Ente vergewissert sich regelmäßig, dass die Welt noch existiert und zieht sich danach wieder hinter einen Vorhang zurück. Über eine Leuchtschrift werden existenzielle Fragen mit "Ja" und "Nein" beantwortet und mit schwingenden Objekten werden Daseinszustände untersucht. In einer Glasröhre wird die Tektonik der Erdoberfläche imitiert, Berge bauen sich auf und rutschen wieder ab. Die Funktion seiner Apparate liegt nicht auf der Hand sondern im tieferen Sinn im "Begreifen".

Alle vier Künstler haben eine hohe Affinität zu technischen Apparaturen, nützen sie für ihre Werke und ermöglichen dem Betrachter einen neuen, nahen Blick auf eine anonym gesteuerte Wirklichkeit.